Mountain Skills – Trainingskurs in Sachen Bergwandern

Mountain Skills – Trainingskurs in Sachen Bergwandern

Wer in Irland oder auf der britischen Insel wandert, der verlässt meistens die Straßen und Forstwege und folgt keinen Wegweisern. Stattdessen lässt sich querfeldein durch Täler und über Bergspitzen die individuelle Wanderroute frei nach Lust und Laune planen und wandern. Doch natürlich unterliegt das ein paar kleineren bis mittleren Risiken. Um mit diesen verantwortungsvoll umzugehen, kann man sich in Irland von den Experten in Sachen Wandern in Irland schulen lassen. Und das tat ich vergangenes Wochenende.

Etwas aufgeregt war ich dann doch, als ich typisch deutsch 10 Minuten vor dem Treffpunkt um 12.00 Uhr bei meinem Trainer eintraf. Charles lebt in Glenmalure, Co. Wicklow und gibt als Mountain Leader für Gruppen bis zu 6 Personen Trainingskurse in Sachen Wandern in der irischen Berglandschaft. „Mountain Skills 1 + 2“ nennt sich das Programm, welches offiziell von Mountaineering Ireland, der Vereinigung der irischen Bergwanderer und -steiger, aufgelegt wird. Über zwei Trainingstage werde ich praktisch lernen, mich in den Bergen von Irland korrekt zu verhalten. Und ich bin trotz meines zeitigen Erscheinens nicht der Erste. Simon betreibt in der Nähe einen Garten- und Landschaftsbau und hat, im Gegensatz zu mir bereits vor 6 Wochen am ersten Abschnitt des Trainingskurses, Mountain Skills 1 erfolgreich teilgenommen. Er ist mit Trainer Charles in ein Gespräch vertieft, als ich die kleine Blockhütte betrete, welche in den nächsten 48 Stunden Schulungsraum für den Indoor-Teil des Trainingskurses sein wird. Nach etwas small talk mit Simon und weiteren 10 Minuten des Wartens ist die Gruppe vollständig.

6 Teilnehmer, die Maximalzahl für den Kurs, werden dieses Wochenende in den Schwerpunkten Navigation, Orientierung und sicheres Bewegen auf steilem Terrain und über loses Geröll trainiert. Nach einer obligatorischen Vorstellungsrunde lockert sich die Spannung in der Gruppe und Charles schult uns am Whiteboard in ersten Inhalten zum Umgang mit Wanderkarte und Kompass. Währenddessen setzt draußen ein stetiger Dauerregen ein, der uns den Rest des Wochenendes nicht mehr verlassen wird. Sommer in Irland.

„You never get lost – you are only temporarily dislocated“

Glenmalure mit Avonbeg River
Glenmalure mit Avonbeg River

Nach knapp 1 1/2 Stunden im kleinen Schulungsraum verlegt Charles das Geschehen nach draußen. Schnell die Regenkleidung übergeworfen und schon wandert der kleine Trupp die Military Road entlang in Richtung Glenmalure Road. Das Tal wird noch munter durchschritten bis zu dem Punkt an dem sich ein Forstweg von der Straße löst und sich durch einen dichten Fichtenwald den Hang hocharbeitet. Charles erklärt erste Schritte – im wahrsten Sinne. Denn pacing soll geübt werden, das Zählen der eigenen Schritte zur Ermittlung von Distanzen. Zählend wandert die Kolonne durch den irischen Regen.

Praktischerweise sind Paul und John, zwei studierte Geologen im Team. Sie geben in kurzen Verschnaufpausen immer wieder interessante Einblicke in die Gesteinswelt der Wicklow Mountains während Charles mit lokalem Geschichtswissen über das Glenmalure ganz mein Ohr hat. An unserer nächsten Station verlassen wir den Wald und Charles gibt einen kurzen Vortrag über die Schlacht von Glenmalure, welche irische Rebellen unter ihrem Clanführer Fiach McHugh o’Byrne in 1580 an eben jener Stelle schlugen, an der wir gerade den feuchten Matsch der offenen Berghängen betreten haben.

Die nächsten Übungen dienen der Navigation. Mittels Kompass einer Peilung folgen und diese nicht nur halten, sondern auch auf der ursprünglichen Linie bleiben, bedarf tatsächlich angesichts der zahlreichen natürlichen Hindernisse auf dem Streckenstück einer gewissen Routine. Gerade bei schlechter Sicht durch Nebel, Wolken und Regen soll das Wandern auf der Peilungsgeraden vor Verirrung und Desorientierung schützen. Angesichts von Dauerregen und einer zwischenzeitlich vollständig in Nebel versunkener Umgebung braucht es nicht viel Fantasie um Charles‘ Worten Glauben zu schenken. Außer meinem Team und der Landschaft in einem Umkreis von ca. 100 m sehe ich nichts mehr.

Eine kleine Snack-Pause verläuft schweigend. Jeder verarbeitet die letzten beiden Stunden, die sehr viel input brachten. Nach dem break erreichen wir den Bergsattel. Ab hier führt jeder Teilnehmer jeweils eine Etappe lang den Rest des Teams an. Mein Part beginnt nach mehreren Etappen auf der Bergspitze und ich bringe die Gruppe den Hang auf der anderen Seite des Berges hinunter auf einen kleine Vorsprung. Beziehungsweise etwas neben diesen, da meine Peilung nicht 100 %-ig korrekt gewesen ist. Nach jeder Etappe bringt Charles die Gruppe zusammen, bespricht das Geschehen und lässt die nächste Etappe plane.

Lugduff Bergspitze
Lugduff Bergspitze

Pádraig, mit dem ich mich während der Etappen immer wieder kurz unterhalte, führt nach mir die Gruppe weiter um den Berg herum. Mittlerweile hat der Regen nachgelassen und eine dumpfe Ruhe wird durch den wogenden Nebel gefüttert. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits stramm auf 20 Uhr zu geht. Und Charles führt die Gruppe auf den Nordwesthang des Berges, wo wir uns zum Abendessen niederlassen. Ich bin nach nunmehr 6 Stunden in Regen und Nebel durchnässt und auch mein Schuhwerk hat die permanenten Einflüsse von Wasser und Matsch nicht mehr trocken überstanden. Auch schwanken die Beine erstmals als ich mich auf einen Sitz aus Heide und Gras fallen lasse um mein mitgebrachtes Abendbrot zu verzehren. Wieder schweigt die Gruppe und langsam fällt die Dunkelheit über uns.

Genau worauf Charles gewartet hat. Die Dunkelheit soll den Sichtverlust bei Nebel simulieren und darum ist die Nightsession fester Bestandteil von Mountain Skills 2. In unserem Falle wäre nach nun mehr 6 1/2 Stunden Regen und Nebel der Bedarf an Sichtverlust nahezu gedeckt. Doch mit Stirnleuchte und durch die abendliche Stärkung erfrischt geht es in den letzten Teil des Tages. Ich übernehme die erste Etappe und bringe die Gruppe um den Berghang herum hinab zu einem Waldstück. Ungewohnt, doch einfach als gedacht fällt mir das Wandern über die stark ungleichmäßige Vegetation in der nun fast vollständigen Dunkelheit. Zufrieden mit meiner Leistung reihe ich mich ein und die nächste Etappe führt hinauf zur Bergspitze, der zweiten an diesem Tage. Der Regen setzt wieder stärker ein während wir die Spitze verlassen und uns in den Sattel navigieren. Auf dem vorletzten Etappenstück mit Ziel 3. Bergspitze erwischt es uns dann. Simon hat die Führung und irgendwann sagt mir mein Bauchgefühl, dass wir uns zu weit rechts befinden. Auf mein Wort hin schalten wir unsere Stirnlampen aus und vage zeichnet sich zu unserer Linken unser Ziel als schwarze Erhebung vor dem fast ebenso schwarzem Himmel ab. Die Peilung war offensichtlich falsch und wir auf der falschen Fährte. Um mittlerweile 23 Uhr.

Charles löst die Situation, in dem er uns einen Navigationstrick erklärt, der uns auf unsere eigentliche Peilung zurück bringt. Dafür heißt es nun aber nochmal 300 m durch naße, hohe Heide den Berghang hinauf. Nach jetzt 9 Stunden ein Fest für die Oberschenkelmuskulatur. Letztendlich treffen wir auf den Schlammpfad, welcher die Bergspitze verlässt und uns vom Berg und in den Wald hinunter bringt.

Charles ermutigt die Gruppe mit ein paar Zuckerlieferanten in Form von Weingummis ehe es die letzten Kilometer durch Wald und über die Straße zurück ins Glenmalure geht. Um Punkt halb 1 erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt.

Am nächsten Morgen pünktlich um 10.30 Uhr sitzen alle Teilnehmer wieder in Charles kleinem Schulungsraum. Ich bin seit 7 Uhr wach. Denn während meine Beine nach Pause riefen, arbeitete mein Kopf unnachgiebig den gestrigen Tag auf und ließ den Rest des Körpers nicht mehr zur Ruhe kommen. Der Nebel hat sich heute Morgen gelichtet, der Regen fällt weiter und alle sind wieder frohgestimmt dabei. Charles eröffnet mit einer kurzen Analyse der Nachtsession ehe er zum Schwerpunkten von Tag 2 übergeht: Vorausplanung und Sicherheit. Mit den am Vortag gewonnen Fertigkeiten im Umgang mit Kompass und Landkarte lässt Charles uns eine Wanderroute ausarbeiten und schriftlich dokumentieren. Danach geht es wieder hinaus in die Berge der Wicklow Mountains.

Mit zwei Pkws fahren wir die kurze Strecke ins Glendasan nahe dem Wicklow Gap. Der Abbau von Blei vom 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts hat entlang der steilen Berghänge Spuren hinterlassen. So finden sich Haufen aus Quarzsand, die Charles in sein Schritttechnik-Training einbaut, um das Wandern auf losem Geröll zu simulieren. Danach geht es die Hänge hinauf und in verschiedenen Schwierigkeitsgraden werden steile Passagen gemeistert.

Glendasan & Camaderry
Glendasan & Camaderry

Der Regen fällt heute leichter und die klarere Sicht ermöglicht ein paar Übungen zur Orientierung anhand von Landschaftsmerkmalen. Dazwischen überwinden wir immer wieder steile Streckenabschnitte und Hindernisse. Die Beine schreien nach der gestrigen Wanderung zwar lauthals, doch Erbarmen kennt Charles keines.

Dennoch ist der 2. Tag kein langer. Schon nach 3 Stunden verlassen wir die Hänge und nutzen eine flache Ebene zu einigen kleinen Übungen in Sachen pacing und Kompassarbeit. Zum Abschluss führt Charles Einzelgespräche mit jedem Teilnehmer. Gelobt hinsichtlich meiner Auffassungsgabe, getadelt hinsichtlich meiner mangelhaften Regenkleidung, fühle ich mich erfolgreich für den Aufwand der letzten 24 Stunden bestätigt. Zurück im Glenmalure wärmen Kaffee und Tee unsere wiedermal durchnässten Knochen auf. In Charles‘ Schulungsraum wartet nun noch die letzte Indoorsitzung auf unsere Gruppe. Thema: Notfallsituationen und -prozeduren. Pünktlich um 17.30 Uhr endet der zweite und letzte Tag. Förmlich überreicht Charles die Teilnahmebestätigung und ich fühle mich schon ein wenig stolz. Darauf, durchgehalten zu haben. Darauf, etwas gelernt zu habe. Und Teil einer netten und hilfsbereiten Gruppe gewesen zu sein.

Erfolgreich!
Erfolgreich!
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